In unserem diesjährigen Wintertheater drehte sich alles um eine scheinbar harmlose Frage: die Anschaffung eines neuen Vereinsgrills. Doch was als Formsache bei der Mitgliederversammlung eines Tennisvereins beginnt, entwickelt sich schnell zu einer hitzigen Debatte. Als es darum geht, ob für das einzige muslimische Vereinsmitglied ein eigener Grill notwendig ist, prallen Meinungen, Überzeugungen und persönliche Befindlichkeiten aufeinander. Zwischen Würstchen und Weltanschauungen geraten Freundschaften, Moralvorstellungen und gute Manieren ordentlich ins Schwitzen.
Mittendrin statt nur dabei
Ein besonderes Merkmal dieser Inszenierung war die aktive Einbindung des Publikums: Die Zuschauerinnen und Zuschauer wurden selbst zu Vereinsmitgliedern, durften mitdiskutieren und am Ende sogar abstimmen. So wurde das Geschehen nicht nur beobachtet, sondern hautnah miterlebt.
„Das Publikum von Anfang an ins Spiel einzubeziehen war zu Beginn der Proben eine große Herausforderung für unsere fünf Schauspieler“, erklärt Regisseur Hariolf Baumann von den Kulturgestalten. „Doch genau daraus entstand ein besonderer Reiz – und es machte allen unglaublich viel Spaß.“
Pointierte Gesellschaftskomödie mit Tiefgang
Mit „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob stand eine scharfsinnige Gesellschaftskomödie auf dem Spielplan, die sich humorvoll und zugleich treffsicher mit Vorurteilen, vermeintlicher Toleranz und dem ganz normalen Vereinsleben auseinandersetzt. Wortwitz, überraschende Wendungen und messerscharfe Dialoge hielten dem Publikum immer wieder den Spiegel vor – und zeigten, wie schnell aus einer Kleinigkeit ein großes Thema werden kann. Besonders für alle, die Vereinsarbeit kennen, war vieles erschreckend vertraut.
Wenn die gutbürgerliche Fassade bröckelt
Die fünf Darstellerinnen und Darsteller – Tobias Brunner, Ramona Hahn, Jakob Backers, Astrid Zwick-Lamprecht und Thomas Köder – überzeugten mit lebendigen, glaubwürdigen Figuren und viel Gespür für die allzu menschlichen Schwächen ihrer Rollen. Nicht selten dürfte sich die eine oder der andere im Publikum schmunzelnd wiedererkannt haben.
Mit Liebe zum Detail inszeniert
Mit großer Sorgfalt arbeitete Regisseur Hariolf Baumann die Charaktere und Dynamiken der Figuren heraus. Das Bühnenbild eines in die Jahre gekommenen Vereinsheims unterstrich dabei eindrucksvoll die überholten Einstellungen und festgefahrenen Denkweisen, die im Laufe des Abends immer stärker aufbrechen. Kleine Meinungsverschiedenheiten ließen tiefe Risse in der konsensorientierten Vereinsfassade entstehen – humorvoll, ironisch und zugleich entlarvend. Selbst das Vereinsmotto „Bei uns gibt es keinen Krieg, nur Spiel, Satz und Sieg“ geriet zunehmend ins Wanken.
Detailreiche Soundeffekte und drei eigens komponierte Vereinshymnen verstärkten die Atmosphäre und sorgten dafür, dass sich das Publikum schnell mitten im Geschehen wiederfand.
Drei ausverkaufte Abende voller Witz und Wiedererkennung
An drei ausverkauften Vorstellungen erlebten die Zuschauerinnen und Zuschauer ein aktuelles, witziges und zugleich tiefgründiges Theaterstück, das die Absurditäten unserer Gesellschaft am Beispiel eines Tennisvereins beleuchtet. „Extrawurst“ kam ohne moralischen Zeigefinger aus, bot dafür aber jede Menge Humor, Spannung und herrlich menschliche Momente – mit garantiert knackigem Biss.